Bernd-Joachim Stolz
Ich habe in diesem Forum schöne Sachen gelesen, angeregt haben mich besonders die Beiträge micidomreps und mc-divers. Das sind ja Menschen mit reichen Erfahrungen und trotz allem ungebrochener Begeisterungsfähigkeit. So sind ihre Berichte voll Realismus, sie öffnen Welten, haben aber auch erzählerisch Glanz und enthalten situative Komik. Und ihre Themen passen exakt ins Forum.
Anders bei mir. Ich befinde mich selten dort, wo andere mich real wahrnehmen, baue oft währenddessen irgendwo eine Pantasiewelt.
So flog ich gedanklich in die Karibik, so lernte ich Tereza kennen und sie lebte dann fast zwei Jahre an meiner Seite, Vieles entdeckte ich hier für sie, was ich sonst nie gesehen hätte und doch, sie war natürlich nie wirklich da.
Meine Versuche, sie kennenzulernen, die Realität in die Träume zu holen, sind gescheitert. Und dabei hatte ich mich diesmal wirklich sehr nach der Realität gesehnt. Ich habe, indem ich mich löse, den Wunsch in die Karibik zu fliegen, nicht aufgegeben. Nur will mein einer Sohn jetzt gern einen Hund und das kostet wieder und Kinder haben ein größeres Recht. Ich verdanke meinen Kindern nämlich recht viel. Auch Geschichten, die ich, wie die folgende, für sie schrieb, haben meist ihren Ursprung in einer ihrer Ideen gehabt. Wenn ich diese hier hereinsetze, so, weil ich einige der letzten Beiträge izum Thema "Tereza gesucht" nicht beantwortet habe, nicht beantworten wollte mit wenigen Worten. Es ging dort darum, was eine Partnerschaft ausmacht.
Ich gebe die Antwort mit dieser Kindergeschichte, die zugleich zeigen soll, dass Worte schwache Lehrmeister in Sachen Menschlichkeit sind, Unglück dagegen ein sehr wertvoller.
(Da der Text nur 10000 Zeichen enthalten darf, muss ich ihn dritteln). )
Gruß Achim
Wolle Wuff holt Gold
Jeder kannte ihn nur als Wolle Wuff. Wuff, der Mann, der in der Bütt für Stimmung sorgte, der dicke Wolle in seinem rosa Kostüm. Aber niemand kannte diesen Herrn Wuff wirklich.
Wolfgang Körner war früher ein bekannter Sportler gewesen. Aber der Sportler Körner galt als verschollen. Zehn lange Jahre hatte niemand von ihm gehört. Jetzt, zur Winterolympiade, waren die alten Archivbilder noch einmal in einer Retrospektive gezeigt worden: Früh schon stand Körner als rotblonder Junge kess auf den Schlittschuhen, früh machte er mit seinem Talent einst von sich reden. Wenn er auf den Eiskunstlauf-Meisterschaften pirouettierte, von unsichtbaren Händen getragen den Salchow und doppelten Rittberger sprang, war im Publikum keiner, dem nicht der staunende Mund offen blieb. Er war die Erfüllung der nach Anmut und Grazie verlangenden Sinne und die Hoffnung der auf Siege setzenden Nation. Doch dann las man plötzlich in Fettdruck: „Körner verliebt? Kalte Eisprinzessin schlingt Todesspirale um Wolfgangs Herz.“ Und in der Endausscheidung geschah es: Körner, als deutscher Meister schon vorab gefeiert, stürzte bei seinem letzten, eigentlich einfachen Sprung und brach sich das Steißbein. Er startete nie wieder.
Die Regenbogenpresse verlachte ihn böse. Sie zeigte ihn als Versager triumphierend im Rollstuhl, als das Wrack Körner, als seelische Ruine. Die Paparazzi toppten hämisch: “Körners Girl in Eisclown Willis Bett. - Macht Körner jetzt Selbstmord?“
Tatsächlich aß und trank Wolfgang Körner jetzt unmäßig viel, ging bald wie ein Hefekloß auseinander. Selbst als er nach vielen Anstrengungen wieder laufen konnte, blieb er labil und betrank sich oft sinnlos. Und dann war er plötzlich verschwunden. Er hinterließ keine Spur. Ob Gewalt, eigene oder fremde, im Spiel war, blieb völlig ungeklärt.
Erst Jahre danach hatte jemand gelernt, über sich selbst zu lachen, Trauer, Schmerz und Wut mit Humor aufzufangen. Ganz weg waren die seelischen Krämpfe natürlich nicht. Aber das Leben bekam doch wieder Sinn und auch äußere Form, denn die neue Gabe öffnete ihm plötzlich andere Türen. Der örtliche Karnevalsverein präsentierte einen gewissen „Wolle“, einen noch unbekannten dicken Mittzwanziger, der eine Komik ganz unerwarteten Zuschnitts beherrschte. Es war ihm gegeben, verliebte Tiere köstlich zu persiflieren. Er sang über Freud und Leid ihrer Brunst mit Gebell, Miau und Gewieher. Und sein Durchbruch kam. Die Show im rosa Mopskostüm. Da lief der pinkfarbene Dicke dreimal schwanzwedelnd um die Bütt, hob sein Bein und spritzte gelbes Wasser, jaulte in dem markierten Revier einer kleinen Dackelfrau aus der Spielwarenkiste begeistert hinterher. Und dann erklang sein Minnelied mit dem schönen Refrain:
Ich schnupper’ an dir, das macht mich froh,
ich schwöre ab dem Suff,
mich reizt nur noch dein Dackelpo,
ich lieb dich so, wuff, wuff!
Alle sangen mit warmen Stimmen mit, klatschten und stampften mit den Füßen. Wolles Song berührte ihr Herz, er hatte ihre wahren Empfindungen getroffen. Er schöpfte offenbar aus ganz eigener Erfahrung. Laute Rufe „Zugabe!" erschallten und dann bellten sie ihm nach: „Wuff, wuff! Wuff, wuff!“ Der neue Publikumsliebling war also geboren. „Wolle Wuff“, wie er von jetzt an hieß, wurde nun jedes Jahr sehnlich an Fastnacht erwartet.
Wolle war dankbar, er fand in der Freude der Menschen Halt, er wollte ihnen gern geben, wovon er viel hatte, von seinem Schmerz, seinem Witz und seiner eigenen Freude. Er hielt das Kreative unermüdlich durch, er hatte reiche Reserven. Aber dann kam ein Mann vom Fernsehen auf ihn zu und sagte forsch: „Wolle, du wirst mit uns ein Toppstar!“ Und da räkelte sich eine alte Wunde in ihm und er tappte in die Falle und unterschrieb. Zunächst durfte er da noch frei sein Programm gestalten, nur die vielen Termine jagten ihn. Er hetzte durch Proben, Auftritte, Interviews, hatte Mühe, die Träume vor seinem inneren Auge lebendig zu halten. Aber ein Gutes war doch dabei: der Stress zehrte an Wolles Fett, er wurde immer schlanker. Die Zeit kam, wo Mopskostüm und Katzenfell schlotterten, er musste sich mit Federkissen ausstopfen, damit der Wanst noch stramm war. Er war aber wieder ganz leichtfüßig und beschwingt und so sprang der Dickmops nun manchmal witzige Salchows für sein Fernsehpublikum. Aber dann kam der ruhelose Chef zu ihm. Er hatte die Einschaltquoten verglichen und festgestellt, dass die Albernheiten der Clowns in andern Sendern mehr ankamen und die Leute dort hängen blieben beim Zocken. Das Geschäft gehe schlecht. Wolles Nummer sei bei weitem zu intelligent, also fürs Durchschnittspublikum zu langweilig. Wolle erschrak. Ihm graute davor, aus Gefühlen blöde Faxen zu machen. Er wollte nichts verwässern. Er kochte und wollte gleich kündigen, als er sich doch noch einmal von seinem wichtigtuerischen Chef beschwatzten ließ. Denn sein Freiheitssinn wusste noch nicht, wohin er wollte.
Fortsetzung folgt.
Anders bei mir. Ich befinde mich selten dort, wo andere mich real wahrnehmen, baue oft währenddessen irgendwo eine Pantasiewelt.
So flog ich gedanklich in die Karibik, so lernte ich Tereza kennen und sie lebte dann fast zwei Jahre an meiner Seite, Vieles entdeckte ich hier für sie, was ich sonst nie gesehen hätte und doch, sie war natürlich nie wirklich da.
Meine Versuche, sie kennenzulernen, die Realität in die Träume zu holen, sind gescheitert. Und dabei hatte ich mich diesmal wirklich sehr nach der Realität gesehnt. Ich habe, indem ich mich löse, den Wunsch in die Karibik zu fliegen, nicht aufgegeben. Nur will mein einer Sohn jetzt gern einen Hund und das kostet wieder und Kinder haben ein größeres Recht. Ich verdanke meinen Kindern nämlich recht viel. Auch Geschichten, die ich, wie die folgende, für sie schrieb, haben meist ihren Ursprung in einer ihrer Ideen gehabt. Wenn ich diese hier hereinsetze, so, weil ich einige der letzten Beiträge izum Thema "Tereza gesucht" nicht beantwortet habe, nicht beantworten wollte mit wenigen Worten. Es ging dort darum, was eine Partnerschaft ausmacht.
Ich gebe die Antwort mit dieser Kindergeschichte, die zugleich zeigen soll, dass Worte schwache Lehrmeister in Sachen Menschlichkeit sind, Unglück dagegen ein sehr wertvoller.
(Da der Text nur 10000 Zeichen enthalten darf, muss ich ihn dritteln). )
Gruß Achim
Wolle Wuff holt Gold
Jeder kannte ihn nur als Wolle Wuff. Wuff, der Mann, der in der Bütt für Stimmung sorgte, der dicke Wolle in seinem rosa Kostüm. Aber niemand kannte diesen Herrn Wuff wirklich.
Wolfgang Körner war früher ein bekannter Sportler gewesen. Aber der Sportler Körner galt als verschollen. Zehn lange Jahre hatte niemand von ihm gehört. Jetzt, zur Winterolympiade, waren die alten Archivbilder noch einmal in einer Retrospektive gezeigt worden: Früh schon stand Körner als rotblonder Junge kess auf den Schlittschuhen, früh machte er mit seinem Talent einst von sich reden. Wenn er auf den Eiskunstlauf-Meisterschaften pirouettierte, von unsichtbaren Händen getragen den Salchow und doppelten Rittberger sprang, war im Publikum keiner, dem nicht der staunende Mund offen blieb. Er war die Erfüllung der nach Anmut und Grazie verlangenden Sinne und die Hoffnung der auf Siege setzenden Nation. Doch dann las man plötzlich in Fettdruck: „Körner verliebt? Kalte Eisprinzessin schlingt Todesspirale um Wolfgangs Herz.“ Und in der Endausscheidung geschah es: Körner, als deutscher Meister schon vorab gefeiert, stürzte bei seinem letzten, eigentlich einfachen Sprung und brach sich das Steißbein. Er startete nie wieder.
Die Regenbogenpresse verlachte ihn böse. Sie zeigte ihn als Versager triumphierend im Rollstuhl, als das Wrack Körner, als seelische Ruine. Die Paparazzi toppten hämisch: “Körners Girl in Eisclown Willis Bett. - Macht Körner jetzt Selbstmord?“
Tatsächlich aß und trank Wolfgang Körner jetzt unmäßig viel, ging bald wie ein Hefekloß auseinander. Selbst als er nach vielen Anstrengungen wieder laufen konnte, blieb er labil und betrank sich oft sinnlos. Und dann war er plötzlich verschwunden. Er hinterließ keine Spur. Ob Gewalt, eigene oder fremde, im Spiel war, blieb völlig ungeklärt.
Erst Jahre danach hatte jemand gelernt, über sich selbst zu lachen, Trauer, Schmerz und Wut mit Humor aufzufangen. Ganz weg waren die seelischen Krämpfe natürlich nicht. Aber das Leben bekam doch wieder Sinn und auch äußere Form, denn die neue Gabe öffnete ihm plötzlich andere Türen. Der örtliche Karnevalsverein präsentierte einen gewissen „Wolle“, einen noch unbekannten dicken Mittzwanziger, der eine Komik ganz unerwarteten Zuschnitts beherrschte. Es war ihm gegeben, verliebte Tiere köstlich zu persiflieren. Er sang über Freud und Leid ihrer Brunst mit Gebell, Miau und Gewieher. Und sein Durchbruch kam. Die Show im rosa Mopskostüm. Da lief der pinkfarbene Dicke dreimal schwanzwedelnd um die Bütt, hob sein Bein und spritzte gelbes Wasser, jaulte in dem markierten Revier einer kleinen Dackelfrau aus der Spielwarenkiste begeistert hinterher. Und dann erklang sein Minnelied mit dem schönen Refrain:
Ich schnupper’ an dir, das macht mich froh,
ich schwöre ab dem Suff,
mich reizt nur noch dein Dackelpo,
ich lieb dich so, wuff, wuff!
Alle sangen mit warmen Stimmen mit, klatschten und stampften mit den Füßen. Wolles Song berührte ihr Herz, er hatte ihre wahren Empfindungen getroffen. Er schöpfte offenbar aus ganz eigener Erfahrung. Laute Rufe „Zugabe!" erschallten und dann bellten sie ihm nach: „Wuff, wuff! Wuff, wuff!“ Der neue Publikumsliebling war also geboren. „Wolle Wuff“, wie er von jetzt an hieß, wurde nun jedes Jahr sehnlich an Fastnacht erwartet.
Wolle war dankbar, er fand in der Freude der Menschen Halt, er wollte ihnen gern geben, wovon er viel hatte, von seinem Schmerz, seinem Witz und seiner eigenen Freude. Er hielt das Kreative unermüdlich durch, er hatte reiche Reserven. Aber dann kam ein Mann vom Fernsehen auf ihn zu und sagte forsch: „Wolle, du wirst mit uns ein Toppstar!“ Und da räkelte sich eine alte Wunde in ihm und er tappte in die Falle und unterschrieb. Zunächst durfte er da noch frei sein Programm gestalten, nur die vielen Termine jagten ihn. Er hetzte durch Proben, Auftritte, Interviews, hatte Mühe, die Träume vor seinem inneren Auge lebendig zu halten. Aber ein Gutes war doch dabei: der Stress zehrte an Wolles Fett, er wurde immer schlanker. Die Zeit kam, wo Mopskostüm und Katzenfell schlotterten, er musste sich mit Federkissen ausstopfen, damit der Wanst noch stramm war. Er war aber wieder ganz leichtfüßig und beschwingt und so sprang der Dickmops nun manchmal witzige Salchows für sein Fernsehpublikum. Aber dann kam der ruhelose Chef zu ihm. Er hatte die Einschaltquoten verglichen und festgestellt, dass die Albernheiten der Clowns in andern Sendern mehr ankamen und die Leute dort hängen blieben beim Zocken. Das Geschäft gehe schlecht. Wolles Nummer sei bei weitem zu intelligent, also fürs Durchschnittspublikum zu langweilig. Wolle erschrak. Ihm graute davor, aus Gefühlen blöde Faxen zu machen. Er wollte nichts verwässern. Er kochte und wollte gleich kündigen, als er sich doch noch einmal von seinem wichtigtuerischen Chef beschwatzten ließ. Denn sein Freiheitssinn wusste noch nicht, wohin er wollte.
Fortsetzung folgt.